Zur Geschichte zweier Frauenbewegungen in Aschaffenburg – Teil 2

Teil 2: Die Aschaffenburger Frauenbewegung in den 1980er Jahren

Ob im öffentlichen oder im digitalen Raum, im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz – es gibt keinen Raum, in der Frauen* keine Gewalt erleben. Von LebenspartnerInnen, Bekannten, Verwandten, KollegInnen oder Vorgesetzten; und das unabhängig von einer sozialen Situation, einer Schicht oder vom Alter. Trotzdem und noch immer begegnen große Teile der Gesellschaft diesem Zustand mit Apathie. Und gleichzeitig hat dieser Zustand eine lange, traurige und beschissene „Tradition“.

Anfang der 1980er kam es in Aschaffenburg zu einem erschreckenden Ausmaß von Femiziden und häuslicher Gewalt. Dies war der Anlass für die Entstehung einer zweiten Aschaffenburger Frauenbewegung, in der sich Dr. Monika Schmittner als Aktivistin engagiert hat. Darüber haben wir mit ihr gesprochen.

 

Erste Aschaffenburger Frauen-Demo in der Friedenswoche im November 1986

361°: Neben deiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema der historischen Frauenbewegung warst du selbst in den 1980er Jahren in der 2. Frauenbewegung in Aschaffenburg aktiv. Was war der Auslöser für diese 2. Frauenbewegung in Aschaffenburg?

Im Herbst 1984 gab es im Aschaffenburger Raum drei Morde an und etliche Vergewaltigungen von Frauen. Diese Gewalttaten waren Auslöser für allerlei Initiativen. Das Autonome Frauenzentrum z.B. forderte mit einer Unterschriften-Aktion von der Stadt ein Frauen-Nachttaxi und ein Frauenhaus für physisch und/oder psychisch misshandelte Frauen auch in Aschaffenburg. Das stand erstmal so im Raum.

361°: Anfang 1985 fand die wahrscheinlich erste feministische Demo in Aschaffenburg statt, um auf die erschreckend hohe Zahl von Femiziden in Aschaffenburg, aber auch die erschreckend hohen Fälle von häuslicher Gewalt aufmerksam zu machen. Wer waren die Initiatorinnen der Demo?

Das waren die Aktivistinnen vom Autonomen Frauenzentrum, u.a. Diane Waterstradt und Christiane Stegmann und natürlich alle Unterstützerinnen der Unterschriften-Aktion. Es gab zunächst einen spontanen Fackelzug durch die Straßen, und samstags drauf eine angemeldete Protestdemonstration durch die Aschaffenburger Innenstadt.

361°: Gab es Reaktionen der Aschaffenburger BürgerInnen?

Die Resonanz in der Bevölkerung allgemein war positiv und zeigte, dass wir ein brisantes Thema aufgegriffen hatten. Kein Mann traute sich kritisch zu äußern, um sich nicht als Frauenfeind zu outen. Und wir hatten von Anfang an eine gute Presse.

361°: Wie ist der Verein „Frauen gegen Gewalt“ entstanden? Waren Akteurinnen eures Vereins schon vorher zu feministischen Themen aktiv? Wie habt ihr euch gefunden?

Die Aktivistinnen des Vereins „Frauen gegen Gewalt e.V.“. V.l.n.r.:Monika Thiery, Brigitte Heymanns, Eva-Maria Bordt, Irmgard Essig, Britta Vorher (verdeckt), Ingrid Struzewsky, Anneliese Euler, Traudel Benzin, Monika Schmittner, Daniela Kroher (Hans-Joachim Schmittner)

Ende Februar 1985 fand – in Zusammenarbeit mit dem Leiter der Volkshochschule Fritz Oswald – ein Forumsgespräch im Sitzungssaal des Aschaffenburger Rathauses statt, vorbereitet von einem Arbeitskreis, der sich „Frauen werden aktiv“ nannte. An dieser Podiumsdiskussion nahmen eine Ärztin, eine Rechtsanwältin, eine Psychologin, eine Sozialwissenschaftlerin und Vertreterinnen verschiedener Parteien teil, um das Thema „Gewalt gegen Frauen“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Die Moderation übernahm die Journalistin Anneliese Euler, später mit im Vorstand von „Frauen gegen Gewalt“. Es wurde deutlich, dass sich viele Frauen in einer aktiven Frauengruppe zusammenschließen wollten.

Um einen ständigen Erfahrungsaustausch zu haben, traf sich der Kreis „Frauen werden aktiv“ und zehn bis fünfzehn weitere interessierte Frauen regelmäßig einmal im Monat bei der „Magda“ in der Nebenstube des Weinhauses Kitz. Hier wurde auch der Grundstein für den Verein „Frauen gegen Gewalt e.V.“ gelegt. Die Gründung erfolgte am 6. August 1986 mit dem einzigen Ziel, ein autonomes Frauenhaus in Aschaffenburg zu errichten. Als Vorstandsfrauen wurden gewählt: Monika Schmittner (Vorsitzende), Anneliese Euler und Christa Gieschke (Stellvertreterinnen), Ingrid Struszewsky (Kassenführerin) und Agnes Schönberger (Schriftführerin). Zu den Frauen der ersten Stunde gehörten auch Traudel Benzin, Irmgard Essig, Daniela Kroher, Brigitte Heymanns, Monika Thiery, Britta Vorher, Eva-Maria Bordt …

361°: Gab es bereits andere feministische Gruppen in Aschaffenburg?

Es gab eine Fülle von frauenbewegten und autonomen Vereinen und Parteigruppierungen: Frauen gegen Gewalt e.V., SEFRA e.V. (Selbsthilfe- und Beratungszentrum für Frauen), das Autonome Frauenzentrum (mit einer eigenen Zeitschrift „Damenwahl“), die DGB-Gewerkschaftsjugend, die Grün/Alternative Liste, Mütter gegen Atomkraft, der DGB-Kreisfrauenausschuss (mit Irmtraud Seidel), Christen für den Frieden … Über 20 regionale Frauengruppen und Gruppierungen der verschiedensten Richtungen schlossen sich noch in diesem Sommer im „Frauenhearing“ zusammen und unterstützten die Forderung nach einem autonomen Frauenhaus.

361°: Ein autonomes Frauenhaus in Aschaffenburg wurde schnell zu eurer zentralen Forderung. Warum gerade ein Frauenhaus und warum ein autonomes? War die Wahl bewusst und angelehnt an die damals starke autonome Bewegung? Und habt ihr euch selbst als Teil der autonomen Bewegung verortet?

Für diese Zeit (1985-1987) haben wir 22 häusliche und sexualisierte Gewalt an Frauen in und um Aschaffenburg dokumentiert. Ein Frauenhaus stand außer Frage, der Streit entbrannte um das Wort „autonom“, das sehr viele Männer im Stadtrat – dem politischen Entscheidungsgremium – ein Dorn im Auge war. Das ging ihnen zu weit. Sie präferierten ein Frauenhaus unter kirchlicher (Caritas) Leitung oder auch getragen von einem Wohlfahrtsverband, z.B. AWO.

Wir bestanden auf einem autonomen Frauenhaus, weil nur ein solches parteipolitisch und konfessionell neutral ist und das die misshandelten Frauen in ihrer Entscheidungsfindung nicht beeinflusst (so dachten wir jedenfalls damals – vor 35 Jahren).

361°: Gab es Kritik an oder Gegenwind zu eurem Vorhaben?

Mit vielen Tricks versuchte die Verwaltung/einige Stadträte der CSU, die „Frauen gegen Gewalt“ ohne viel Federlesens aus dem Rennen zu werfen und die Trägerschaft in die Hände der Caritas zu bringen. Wir könnten uns ja „ehrenamtlich“ einbringen, sagten sie. Sie hatten auch schon ein bestimmtes Gebäude ausgesucht, ohne uns einzubinden oder die Bedürfnisse misshandelter, gedemütigter Frauen mit ihren Kindern zu berücksichtigen.

361°: Euer Engagement und eure Kämpfe für ein autonomes Frauenhaus habt ihr in einer Dokumentation zusammengefasst und veröffentlicht. Der Untertitel „Die Geschichte einer Verhinderung“ spoilert den Ausgang. Nicht nur aufgrund der sexistischen Aussagen einiger Lokalpolitiker stellt sich beim Lesen nicht gerade selten Fassungslosigkeit ein, sondern auch mit Blick auf die Art und Weise, wie die Stadtverwaltung – damals unter dem Oberbürgermeister Willi Reiland – euer Vorhaben vereitelt hat. Wie erinnerst du dich heute daran?

Trauer um das autonome Frauenhaus nach dem sich eine Mehrheit im Stadtrat dagegen ausgesprochen hatte.

Man hat uns pro forma angehört, aber es war eine beschlossene Sache der Verwaltung und einiger CSU-Stadträte (alle anderen Parteien – SPD, die Grün/Alternative Liste, FDP – standen hinter uns), das Frauenhaus der Caritas als Träger zu übergeben. Wir ahnten dies. Um das zu verhindern, hatten wir uns dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) als Mitglied angeschlossen. So kam als Träger auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO) ins Spiel, die letztlich auch die Trägerschaft übernommen hat und in deren Händen das Frauenhaus heute noch ist. Anfang Februar 1987 stimmte der Stadtrat mit 24 zu 16 Stimmen für ein Frauenhaus unter der AWO – also gegen ein autonomes Frauenhaus. Bei dieser alles entscheidenden Sitzung brachten wir heimlich einen Trauerkranz auf die Zuschauerempore und ließen ihn herunter: „Wir trauern um das autonome Frauenhaus. – Frauen gegen Gewalt e.V.“ Es gab einen Eklat.

361°: In eurer Publikation habt ihr stellenweise auch die Gespräche mit lokalen Politikern dokumentiert, die mit sexistischen und frauenfeindlichen Aussagen nicht gerade zurückhaltend waren. Besonders erschreckend fanden wir die „Befürchtung“ eines damaligen Landrates, die Einrichtung eines Frauenhauses „würde den Bedarf erst wecken“ und Frauen würden „unter Umständen allzu leichtfertig die häusliche Gemeinschaft aufgeben und in ein Frauenhaus ziehen“, weil die Verhältnisse dort „paradiesisch“ seien. Auch die Trennung der Eheleute sah er als Problem und er wolle aus seiner christlichen Haltung heraus die Beratung in einem Frauenhaus im Sinne von Familien- und Eheerhaltung gesteuert wissen“. Natürliche liest man das aus einer Perspektive rund 35 Jahre später,… aber ernsthaft? Wie habt ihr es damals geschafft in solchen Gesprächen ruhig zu bleiben?

Diese Äußerungen sind wirklich gefallen und zeigen den unsensiblen Umgang der Männer mit dem Thema Gewalt gegen Frauen, deren Verursacher in erster Linie sie ja selbst sind. Das waren alles lächerliche, natürlich haltlose und sexistische Argumente gegen ein AUTONOMES Frauenhaus.

Unseren Frust ließen wir auf verschiedenen Frauen-Power-Feten aus, mit gutem Essen und noch besserem Trinken und deftigen Liedern zur Gitarre. Besonders beliebt war das Lied von Franz Josef Degenhardt „Ja, der König Großkotz lebt noch, aber einmal stürzt er doch“. Auch unsere Männer feierten solidarisch mit.

361°: Durch einen Stadtratsbeschluss kam das Aus für euer Vorhaben. Wie ging es nach diesem Rückschlag mit euch weiter?

Unser einziges Ziel war ja, ein Frauenhaus politisch durchzusetzen und zu initiieren, und das hatten wir erreicht. Wir arbeiteten noch eine Zeitlang im „Frauenhearing“ mit, und setzten uns auch tatkräftig für die Installierung einer Frauenbeauftragten bzw. Gleichstellungsbeauftragten ein. Mit ihr ging aber unsere feministische Energie verloren. Sie agierte als Puffer zwischen unseren feministischen Anliegen und der Verwaltung. Sie wirkte als Katalysator und nahm unserer Bewegung die Kraft. Jetzt nahmen alle Forderungen den bürokratischen Weg, und die Frauenpower lief ins Leere.

Wir unterstützten lange Zeit aktiv auch die starke Aschaffenburger Friedensbewegung bei Demos, Menschenketten und Kundgebungen mit eigenen Transparenten. Aber es kam zu keinen eigenen Projekten mehr. Irgendwann 1988/89 lösten wir den Verein „Frauen gegen Gewalt“ auf und ließen ihn aus dem Vereinsregister streichen.

361°: War euer Engagement auf Aschaffenburg bezogen oder habt ihr euch auch mit anderen überregionalen feministischen Gruppen vernetzt.

Vernetzung gab es nur mit den autonomen Frauenhäusern in Schweinfurt und Babenhausen, um von deren Erfahrungen zu profitieren und aus deren Fehlern zu lernen.

361°: In den 1980er Jahren gab es auch starke militante feministische Bewegungen. Insbesondere die Rote Zora verübte zahlreiche Anschläge. Höhepunkt dürfte die militante Kampagne gegen den Adlerkonzern mit Sitz in Haibach aus Solidarität mit dem Streik koreanischer Frauen gewesen sein. Spielte das Thema in Aschaffenburg für euch eine Rolle? Wie verhielt man sich dazu.

Nein, das ging spurlos an uns vorbei. Ich glaube, wir haben nicht einmal über diese Aktionen diskutiert.

361°: Würdest du eure Aktivitäten in den 1980er Jahren als erfolgreich bewerten?

Ja und nein. Wir haben ein Frauenhaus politisch durchgesetzt, als dieses Thema noch ein sehr heißes Eisen war. Das ist unser Verdienst. Seit über 30 Jahren gibt es nun in Aschaffenburg ein Frauenhaus (das ständig überbelegt ist).

Aber eigentlich dachten wir Frauenhäuser nur als Übergangslösung, als akute Hilfe aus einer Notsituation für misshandelte Frauen. So war das angedacht, nicht als ständige Einrichtung. Wir hofften, dass Frauenhäuser eines Tages überflüssig sein würden, weil es keine Gewalt gegen Frauen mehr gäbe. Das war ein schönes, aber naives Wunschdenken. Die Realität lehrt uns leider etwas ganz Anderes.

Geballte FrauenPower (v.l.n.r.): Monika Schmittner, Ingrid Struzewsky, Agnes Schönberger, Irmgard Essig, Christa Gieschke (Hans-Joachim Schmittner)

361°: Würdest du rückblickend heute etwas anders machen?

Nichts. Wir haben das Frauenhaus initiiert, es gibt seit den 1980er Jahren zwar kein Frauen-Nachttaxi, aber ein Nachttaxi, das (auch Männer) bis vor die Haustür fährt und Frauen keine einsamen Heimwege mehr zumutet. Und SEFRA e.V. existiert auch immer noch und berät Frauen in Notlagen und bietet Selbstverteidigungskurse an.

361°: Was würdest du einer dritten Frauenbewegung in Aschaffenburg raten?

Eine dritte Frauenbewegung? Das ist eine interessante Frage! Die erste Frauenbewegung stellte vorrangig die Mädchenschulbildung, der Frauenberufsfrage und das Frauenwahlrecht in ihren Fokus. Das sind heute keine Themen mehr. Wir Frauen der zweiten Bewegung haben alle qualifizierte Berufs- und/oder akademische Ausbildungen. Und das aktive und passive Wahlrecht ist für uns auch selbstverständlich. Wir engagierten uns in erster Linie für das weibliche Selbstbestimmungsrecht: das Recht auf Abtreibung, auf körperliche
Unverletzlichkeit, gegen physische, psychische und sexuelle Gewalt an Frauen, und enttabuisierten das Thema häusliche Gewalt.

Dr. Monika Schmittner ist Politikwissenschaftlerin und hat u.a. zur Gewerkschaftsbewegung, NS-Zeit und Frauenbewegung im regionalen Kontext publiziert.

Ich glaube, eine dritte Frauenbewegung formiert sich dann, wenn eine neue Frauengeneration weitere Fesseln spürt, die ihre Lebensbedürfnisse so massiv einschränken, dass sie diese Fesseln sprengen will.
Dieser Protest spielt sich dann sicher nicht mehr auf der Straße ab, sondern im digitalen Raum, mit Solidarisierungen weltweit. Das wird einiges bewegen. Wir haben ja gesehen, wie die #metoo-Bewegung etliche übergriffige, mächtige Männer zu Fall gebracht und gleichzeitig die Öffentlichkeit sensibilisiert hat. Das gibt Hoffnung. Meines Erachtens werden die Sozialen Bewegungen der Zukunft so ablaufen.

Aber eine dritte Frauenbewegung in Aschaffenburg wäre toll. Mädels, seid tough, stellt weitestgehende Forderungen und lasst euch niemals unterkriegen! Wo spürt ihr eure Fesseln, und was sind eure Ziele? Ihr werdet die Erfahrung machen: Es kämpft sich nicht schlecht, für Freiheit und Recht! Und wenn ihr Unterstützung braucht: Wir alten Feministinnen schreiten mit euch, Seit‘ an Seit‘!.

 

Vielen Dank, liebe Monika Schmittner, für das Interview!

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