Nehmt euch die Nacht zurück

Eine feministische Nachttanzdemo im Provinznest Aschaffenburg? Was hat es denn damit auf sich?
Nun, im Jahr 1910 wurde der erste internationale Frauenkampftag von Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und anderen Kommunistinnen und Sozialistinnen in die Wege geleitet.  Anders als die bürgerliche Frauenbewegung, die sich auf das Streben nach politischer Gleichstellung beschränkte, ging es den proletarischen Frauen um die Befreiung von allen Ketten – von den sozialen, politischen und religiösen Ketten des Patriarchats genauso wie von den ökonomischen Ketten des Kapitalismus. Seither ist der Frauenkampftag Kristallationspunkt weltweiter, vielfältiger feministischer Bewegungen und wird seit 1921 am 08. März begangen.
Das Konzept „Nachttanzdemo“ geht auf eine Reihe von großen, linksradikalen Demos in Frankfurt zurück und wird in einem Aufruf von 2008 inhaltlich so umrissen:  
  
„Die 1995 erstmals organisierte Nachttanzdemo widmete sich Themen wie Innenstadt- und Sicherheitspolitik und kritisierte die zunehmende Privatisierung des »Öffentlichen Raums« und die damit einhergehende soziale und rassistische Ausgrenzung. (…) Der Gedanke Freiräume zu schaffen und sich Teile der Stadt wieder anzueignen um in diesen, fern von Sexismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Nationalismus, feiern, tanzen, und Politik machen zu können, war immer Bestandteil der Nachttanzdemos.“ http://nachttanzdemo2008.blogsport.de/aufruf/
In diesem Sinne ist es nur konsequent, dass sich Nachttanzdemos auch in feministischen Kontexten etabliert haben. Zu Zeiten der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen und eines brachliegenden Kulturlebens kommt noch eine weitere Bedeutungsebene hinzu – Feiern verboten, damit die Maschine weiterläuft? Nein, Danke. 

Trotz ausgelassener Stimmung, tanzbarem Sound und aufwendig dekoriertem Lautsprecherwagen rückte der politische Charakter der Demo am 06. März nicht in den Hintergrund. Redebeiträge des veranstaltenden Bündnisses „Feministischer März Aschaffenburgthematisierten die Gender Pay Gap (geschlechtsspezifisches Lohngefälle) und den Kampf für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und gegen Abtreibungsverbote. Die Fantifa Aschaffenburg betonte die Notwendigkeit intersektionaler Analyse und die Relevanz, Kämpfe von FLINTA zusammenzudenken.
Die Interventionistische Linke AB steuerte einen Redebeitrag zur Situation der Care- und Reproduktionsarbeit unter kapitalistischen und sich durch die Pandemie zugespitzten Bedingungen bei. SEFRA e.V. thematisierte sexuelle Gewalt und Missbrauch. Die Gruppe „catcallsofaburg“ schilderten in einem weiteren Redebeitrag die Zumutungen und alltäglichen Übergriffe auf Frauen* in sog. „Männerberufen“. 
An verschiedenen Orten im Demoverlauf wurden von catcallsofaburg auch konkrete, dort stattgefundene Vorfälle sexueller Belästigung und Übergriffe auf Frauen thematisiert. Ein Grund mehr, sich kollektiv und solidarisch die Nacht und den öffentlichen Raum zu nehmen. Insgesamt nahmen an der Nachttanzdemonstration rund 120 Personen teil. 
Dem Zusammenschluss „Feministischer März Aschaffenburg“ ist mit der Demo eine starke, solidarische Aktion gelungen, die hoffentlich nächstes Jahr fortgeführt wird. Denn im Kampf gegen patriarchale Zumutungen gibt es noch viel zu tun.
Weitere Bilder der Demo gibt es auch hier.

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