„Warum ich Gratis-ÖPNV unterstütze, ihn aber fast nie nutze“


HINTERGRUND

Im Herbst 2018 führte die Stadt Aschaffenburg an Samstagen ein Gratisticket für den ÖPNV im gesamten Stadtgebiet ein. Kurz darauf wurden aus einigen angrenzenden Gemeinden Stimmen laut, die sich dafür aussprachen, sich dem Sondertarif anschließen zu wollen.

Fast zeitgleich wurde für die Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg die Ausweitung des Event-Tickets für 2019 angekündigt. Galt dieses in der Vergangenheit ausschließlich bei bestimmten Events und in den Schulferien, soll es nach den Angaben eines Zeitungsberichts aus November 2018 für eine Probezeit von einem Jahr auf alle Wochenenden ausgeweitet werden. Das Ticket soll zu einem Preis von 3,70€ ganztags im gesamten VAB-Gebiet gelten (Auf telefonische Nachfrage bei der VAB im April 2019 gab man sich verwundert. Laut Kundenservice sei das Ticket noch nicht verfügbar und eine Umsetzung noch alles andere als konkret).

Die Debatte um 0€-Tickets, als Teil sozialer Infrastruktur und als Maßnahme einer schon lange überfälligen Verkehrswende, nimmt endlich an Fahrt auf.

Auf 361° veröffentlichen wir Meinungen zum Thema “kostenfeier ÖPNV” und laden alle Leser*innen dazu ein sich mit Kommentaren zu beteiligen.
Ran an die Tastatur!

Erläuterungen:

ÖPNV = Öffentlicher-Personen-Nahverkehr
VAB = Verkehrsgemeinschaft am Bayerischen Untermain
VAB-Gebiet = Übersichtskarte als pdf
0€-Ticket: kostenlos, aber u.a. zur Erhebung von Fahrgastzahlen werden Zugangstickets ausgegeben

Fahrscheinloser Nahverkehr = kostenlos und keinerlei Ticket nötig, daher Wegfall von Fahrscheinkontrollen


 

Kommentar: Warum ich die Forderung nach Gratis-ÖPNV unterstütze, ihn aber fast nie nutze

Das ein ÖPNV-Gratisangebot zu steigenden Fahrgastzahlen führt, ist nachweisbar. Auch in Aschaffenburg gingen nach Einführung des Gratistickets die Zahlen deutlich nach oben, wobei abzuwarten bleibt, wie sich diese langfristig entwickeln. Von Ortsansässigen war schon zu hören, dass man das Angebot mal ausprobiert habe, man aber auf Grund zu niedriger Taktung und langer Fahrzeiten lieber weiter auf das Auto oder Fahrrad setzen wolle.

Nicht viel anders ergeht es mir in der Provinz mit dem angekündigten VAB Event-Ticket.

Mich kostet eine normale Einzelfahrkarte von meinem Wohnort Mönchberg (Lkr Miltenberg) nach Aschaffenburg 6,80€ (Hin- und Rückfahrt also 13,60€). Das VAB-Eventticket soll für 3,70€ zu haben sein. Für mich persönlich definitiv ein Argument, öfter mal die Karre stehen zu lassen und stattdessen den ÖPNV zu nutzen.

Warum ich trotzdem fast nie mit Bus und Bahn fahre…

Ich wohne 31km von Aschaffenburg entfernt und fahre mindestens einmal pro Woche in die Stadt – und das mit dem Auto. Für eine einfache Fahrt brauche  ich an einem Samstag laut Fahrplan 92 Minuten mit dem ÖPNV, mit dem Auto sind es gerade mal rund 30 Minuten.
Doch das viel größere Problem ist: Ich habe zwar am Vormittag die Möglichkeit in die Stadt hineinzufahren, die letzte Rückfahrmöglichkeit ist aber bereits um 17:23 Uhr.

Es bietet sich somit für mich schon ab dem frühen Abend keinerlei Möglichkeiten mit dem ÖPNV die Heimreise anzutreten. Ohne Auto wäre ich somit von einer Teilnahme an Aschaffenburgs kulturellen und politischen Angeboten komplett abgeschnitten. (Die Busverbindungen in die nächsten „Kleinstädte“ wie Erlenbach, Obernburg und Miltenberg sehen übrigens nicht besser aus).

… und manchmal auch Anwohnerparkplätze blockiere…

Durch diese Situation bin ich also einer der vielen, der nach Gratisparkplätzen im Innenstadtbereich Ausschau hält oder den Parkplatz unterhalb des Schlosses nutzt. Und wenn’s mal nicht anders geht, weil zum Beispiel die Zeit knapp ist, auch einer derjenigen, der einen Anwohnerparkplatz in Beschlag nimmt.
Das alles mit dem Ziel, kostenpflichtige Parkplätze zu umgehen. Schließlich ziehen Sprit und der Unterhalt meines Autos schon genug von meinem viel zu schmalen Monatsgehalt ab.

Und selbst wenn es eine bessere Anbindung gäbe: die 1,5 Stunden Fahrtzeit sind für meine Strecke einfach zu viel. Ich säße für Hin- und Rückfahrt über drei Stunden in Bus und Bahn herum.

Will heißen: selbst wenn es ein Gratisticket rund um die Uhr geben würde, es hätte für mich im Alltag fast keinen Nutzen.

… und trotzdem von kostenfreiem ÖPNV zu 100% überzeugt bin

Gute Gründe für die Einführung eines fahrscheinlosen und kostenfreien Nahverkehrs gibt es viele. Meine persönlichen Top 5 sind:

  • Gut fürs Klima:
    da weniger motorisierter Individualverkehr gleich weniger klimaschädliche Schadstoffe bedeutet
  • Gut für die Menschen:
    denn da, wo weniger Autos fahren, gibt’s auch weniger Lärm, Stress und Unfälle
  • Gut für arme Leute:
    deren Mobilität wegen mangelnder Knete eingeschränkt ist und sich weder ein eigenes Auto noch ÖPNV-Fahrkarten leisten können
  • Gut für illegalisierte (somit meist auch arme) Geflüchtete:
    für die jedes Schwarzfahren gefühlt die Hölle sein muss, weil eine Fahrscheinkontrolle ohne Aufenthaltspapiere bittere Konsequenzen nach sich ziehen kann
  • Gut für meinen eigenen Geldbeutel:
    weil ich selbst etwas Kohle sparen könnte und dabei noch weniger klimaschädlich unterwegs wäre

So würde ich zum Beispiel häufiger Samstags nur noch mit dem Auto bis an den Bahnhof Elsenfeld und dann kostenfrei weiter mit dem Zug nach Aschaffenburg fahren. Denn mit dem Zug sind wenigstens noch Rückfahrten bis in den späten Abend möglich.

Doch „kostenfrei“ ist nicht alles

Keine Frage: kostenfreier ÖPNV ist gut für alle. Doch alleine mit „kostenfrei“ ist die überfällige Verkehrswende nicht zu haben.

Denn wenn der ÖPNV den motorisierten Individualverkehr im großen Stil zurückdrängen soll, muss er so ausgebaut werden, dass er alltagstauglich ist. Die Attraktivität muss deutlich gesteigert werden.
Dazu gehören neben einer dichteren Taktung auch zusätzliche und schnellere Linien. Doch in dieser Richtung hat sich bisher nichts getan.

Sicher: Alle halten einen Ausbau des ÖPNV für eine grundlegend richtige Sache, aber spätestens wenn es um die Kostenfrage geht, winken die meisten ab.

ÖPNV als eine Antwort auf den Klimawandel

Doch die Frage, wie ein massiver Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bezahlbar ist, wird angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels faktisch irrelevant. Es ist keine Frage des „Wollens“ mehr, sondern des „Müssens“. Aufschieben ist in der Klimafrage nicht mehr drin.

Es ist eine Binsenweisheit, dass wir keine zweite Welt im Keller haben. Und ebenso sicher ist, dass Verkehr zu einem großen Teil zur CO² Produktion beiträgt. Wenn wir also uns und unseren nachfolgenden Generationen eine wenigstens einigermaßen intakte und lebensgerechte Umwelt hinterlassen wollen, müssen wir handeln. Und das schnell!

Zwar stoppen wir mit neuen Verkehrskonzepten alleine den Klimawandel nicht (ein Ziel das sowieso untrennbar mit einer Alternative zum kapitalistischen Wirtschaften verbunden ist), doch er muss als ein notwendiger Baustein von Veränderung gedacht werden.

Wir brauchen deshalb möglichst kurzfristig anzugehende Übergangskonzepte. Möglich wären zum Beispiel:

  • dichtere Taktung auf allen Bahn- und Buslinien während der Stoßzeiten und an Wochenenden
  • 1€ Tagesticket für das komplette VAB-Gebiet
  • Einsatz von Nachtbussen an Wochenenden in Stadt- und Umland

Langfristig muss es natürlich heißen: ÖPNV in Stadt und Land massiv ausbauen – Bus & Bahn für alle und umsonst!

Ohne Druck wird sich nichts ändern

Doch bis wir soweit sind, heißt es erst mal das Thema weiterhin öffentlich zu pushen und das Sammeln von ÖPNV-Befürworter*innen anzuregen. Denn sie schaffen die nötige Voraussetzung, um damit anfangen zu können, Druck aufzubauen. Druck den es braucht, um die Verantwortlichen in Bewegung zu bringen. Druck zum Start weiterer Testballons und Druck gegen das Totschlagargument der Unfinanzierbarkeit.

Aschaffenburg spielt im regionalen ÖPNV eine herausragende Rolle. Die Stimme des Stadtrats hat Gewicht bei Entscheidungen innerhalb der Stadtwerke wie auch der VAB.
Dass seine Entscheidungen Signalwirkung in die Region und auch darüber hinaus haben, hat sich durch die Einführung des Samstagtickets gezeigt. Darum gilt es gezielt in Aschaffenburg anzusetzen, um dort eine Bewegung für einen fahrscheinlosen und gut ausgebauten Nahverkehr ins Rollen zu bringen. Die Zeit dafür ist überfällig!

 


 

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